Aktien vermieten für 4% im Monat? So erkennst du leere Versprechen
Aktien vermieten? Scam oder geniale Strategie
Du scrollst durch Instagram oder YouTube und plötzlich taucht sie auf: diese Werbung, die dir verspricht, mit dem Vermieten von Aktien bis zu 4% Rendite – und zwar pro Monat. Das klingt verlockend, oder? Schließlich wären das satte 48% im Jahr. Doch bevor du dein Geld in die Hand nimmst und solche Angebote buchst, lohnt sich ein genauer Blick hinter die Kulissen. Denn zwischen Marketing und Realität klafft oft eine riesige Lücke – und genau die schauen wir uns jetzt an.
Kann man Aktien wirklich vermieten?
Zuerst die gute Nachricht: Ja, Aktien vermieten gibt es tatsächlich. Aber – und das ist ein großes Aber – es funktioniert ganz anders, als die Werbung suggeriert.
Was bedeutet "Aktien vermieten" wirklich?
Wenn du ein Haus oder Auto vermietest, bekommst du Geld dafür, dass jemand anderes es nutzen darf. Bei Aktien ist das Prinzip ähnlich: Du stellst deine Aktien jemandem zur Verfügung, der sie leerverkaufen möchte. Das nennt man auch "Shorten" – jemand verkauft Aktien, die er gar nicht besitzt, in der Hoffnung, sie später günstiger zurückkaufen zu können.
Viele große Broker bieten diese Funktion an. Du setzt einfach ein Häkchen in deinem Depot, und schon kann der Broker deine Aktien verleihen. Dafür bekommst du eine Gebühr.
Die ernüchternde Wahrheit über die Renditen
Jetzt kommt der Knackpunkt: Die Gebühren, die du für verliehene Aktien erhältst, liegen bei den meisten Aktien bei etwa 0,3% pro Jahr. Nicht pro Monat – pro Jahr! Selbst bei einzelnen ETFs, die etwas höhere Gebühren abwerfen, kommst du vielleicht auf 4% – aber eben jährlich, nicht monatlich.
Zwischen 0,3% Jahresrendite und den versprochenen 4% Monatsrendite (also 48% im Jahr) liegen Welten. Das echte Aktienvermieten bringt dir also bestenfalls ein kleines Taschengeld, aber sicher keine spektakulären Gewinne.
Was steckt wirklich hinter dem Versprechen?
Wenn die Anbieter nicht vom klassischen Aktienverleihen sprechen – was verkaufen sie dir dann?
Optionshandel statt Vermietung
Die Strategie, die hinter diesen Marketing-Versprechen steckt, hat mit Aktienvermieten nichts zu tun. Stattdessen geht es um Optionshandel. Konkret: das Verkaufen von Call- und Put-Optionen.
- Call-Option verkaufen: Du verpflichtest dich, deine Aktien zu einem bestimmten Preis zu verkaufen
- Put-Option verkaufen: Du verpflichtest dich, Aktien zu einem bestimmten Preis zu kaufen
Für beide Geschäfte erhältst du eine Prämie. Das ist eine durchaus seriöse Handelsstrategie – aber eben kein "Vermieten", sondern eher ein Versicherungsgeschäft. Du übernimmst ein Risiko und wirst dafür bezahlt.
Warum wird nicht ehrlich kommuniziert?
Warum nennen die Anbieter das Kind nicht beim Namen und sagen einfach "Optionshandel"? Die Antwort ist simpel: Marketing.
Viele Menschen haben Berührungsängste mit Optionen. Das klingt kompliziert, riskant, nach Zockerei. "Aktien vermieten" hingegen klingt harmlos, verständlich – fast schon passiv. Du vermietest ja auch deine Wohnung, warum nicht deine Aktien?
Das Problem: Es ist irreführend. Wenn du ein Haus vermietest, musst du es weder verkaufen noch ein anderes kaufen. Beim Optionshandel gehst du aber genau solche Verpflichtungen ein. Das Risikoprofil ist ein völlig anderes.
Können erfahrene Trader damit Geld verdienen?
Absolut. Der Verkauf von Put-Optionen auf Index-ETFs ist beispielsweise eine Strategie, die auch professionelle Anleger nutzen. Man kann damit durchaus attraktive Zusatzerträge erzielen. Aber das hat eben nichts mit passiver Vermietung zu tun, sondern erfordert Know-how, Marktkenntnisse und aktives Management.

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Die Mathematik hinter den 4% im Monat
Lass uns kurz durchrechnen, was 4% Monatsrendite eigentlich bedeuten würden.
Ausgangskapital: 10.000 Euro
Rendite: 4% pro Monat (48% pro Jahr)
Zeitraum: 30 Jahre
Ergebnis: Über 1,2 Milliarden Euro
Selbst nach Steuern würde das für mehrere komfortable Lebensabende reichen. Klingt absurd? Ist es auch.
Zum Vergleich: Warren Buffett, der erfolgreichste Investor aller Zeiten, hat über 80 Jahre hinweg eine durchschnittliche Jahresrendite von etwa 20% erzielt. Er gilt als Ausnahmetalent. Und jetzt soll es eine Strategie geben, die mehr als das Doppelte bringt – und das auch noch für Anfänger? Das ist schlicht unrealistisch.
Auch die eigenen Fonds schaffen es nicht
Besonders pikant: Ein Anbieter, der seit 30 Jahren genau diese Strategie anwendet und damit wirbt, hat einen eigenen Fonds aufgelegt. Die Performance nach fünf Jahren? Minus 10%.
Wenn selbst der Experte mit jahrzehntelanger Erfahrung die eigenen Versprechen nicht einlösen kann – warum solltest du dann glauben, dass es bei dir funktioniert?
Die Milliardärs-Legende
Ein weiteres beliebtes Marketing-Argument: "Das ist die geheime Strategie der Milliardäre!" Manchmal wird sogar behauptet, der Vatikan würde so handeln.
Was machen Milliardäre wirklich?
Die Wahrheit ist ernüchternd: Die meisten Milliardäre handeln nicht mit Optionen auf diese Art. Wer mit mehreren hundert Millionen oder Milliarden agiert, hat ganz andere Möglichkeiten – etwa Market Making, bei dem man von der Geld-Brief-Spanne profitiert.
Einer der wenigen bekannten Milliardäre, der tatsächlich gerne mit Optionen "zockt", ist Dirk Rossmann, Gründer der gleichnamigen Drogeriekette. Aber selbst er nutzt das eher als Hobby, nicht als Hauptstrategie.
Die Behauptung, dies sei die Strategie der Superreichen, ist also nichts weiter als Marketing ohne Beleg. Es soll Vertrauen und Begehrlichkeit wecken – mehr nicht.
Fazit: Strategie ja, Versprechen nein
Ist das Ganze jetzt Fakt oder Scam? Die Antwort liegt irgendwo dazwischen:
- Die Strategie selbst – also der Handel mit Optionen – ist seriös und kann in den richtigen Händen durchaus sinnvoll sein
- Die Versprechen von 4% Monatsrendite durch "Aktienvermieten" sind jedoch irreführend bis unseriös
- Echtes Aktienverleihen bringt minimal Ertrag, der Optionshandel erfordert Wissen und birgt Risiken
Mein Tipp: Wenn dir jemand etwas verkaufen will, achte darauf, ob er ehrlich kommuniziert. Optionshandel kann eine sinnvolle Ergänzung für dein Portfolio sein – vielleicht steigerst du damit deine ETF-Rendite von 8% auf 12% pro Jahr. Das ist realistisch und wertvoll. Aber 48% im Jahr? Das ist Fantasie.
Sei kritisch, hinterfrage Versprechen und lass dich nicht von schicken Marketing-Begriffen blenden. Finanzielle Bildung ist wichtig – aber sie sollte auf Ehrlichkeit basieren, nicht auf Illusionen.
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