ETF kaufen ist nicht gleich passiv investieren – dieser Denkfehler kostet dich Geld
Gerade Unternehmer wollen bewusst mit wenig Zeitaufwand investieren.
Du hast einen ETF im Depot und hältst dich für einen passiven Investor? Dann bist du möglicherweise einem der größten Missverständnisse der modernen Geldanlage aufgesessen. Denn das bloße Halten eines ETFs macht dich noch lange nicht zum passiven Anleger – im Gegenteil. Gerd Kommer, einer der profiliertesten Verfechter des passiven Investierens im deutschsprachigen Raum, räumt mit diesem weit verbreiteten Irrtum auf. Und seine Erklärung könnte deine gesamte Anlagestrategie infrage stellen.
Das zentrale Missverständnis: Produkt versus Philosophie

Viele Investoren gehen davon aus, dass der Kauf von ETFs automatisch passivem Investieren entspricht.
Viele Anleger setzen ETFs automatisch mit passivem Investieren gleich. Doch genau hier liegt der Denkfehler. Kommer macht deutlich: Passiv investieren definiert sich nicht über das Produkt, sondern über dein Verhalten. Ein ETF ist zunächst nichts weiter als ein Finanzprodukt – ein Indexfonds, der einen bestimmten Markt oder Index abbildet. Ob du damit passiv oder aktiv investierst, hängt davon ab, was du mit diesem Instrument machst.
Stell dir vor, du kaufst und verkaufst ETFs je nach Marktlage, versuchst den perfekten Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu erwischen oder springst zwischen verschiedenen Branchen-ETFs hin und her, weil du glaubst, den nächsten Trend zu erkennen. All das ist Market Timing – und damit aktives Handeln. Auch wenn du dabei ausschließlich ETFs nutzt, bist du kein passiver Investor. Du versuchst, den Markt zu schlagen, Prognosen zu treffen und durch geschicktes Timing Überrenditen zu erzielen.
Darüber hinaus gibt es sogar aktiv gemanagte ETFs, die zwar die Produktform eines börsengehandelten Fonds nutzen, aber dennoch eine aktive Anlagestrategie verfolgen. Auch hier gilt: ETF-Hülle bedeutet nicht automatisch passive Strategie.
Was „passiv" wirklich bedeutet
Für Kommer ist passives Investieren in erster Linie eine Anlagephilosophie, keine Produktwahl. Diese Philosophie basiert auf drei Kernprinzipien:
- Keine Prognosen: Du versuchst nicht, die Zukunft vorherzusagen oder den Markt zu timen.
- Langfristiges Halten: Du kaufst und behältst deine Investments über Jahre oder Jahrzehnte.
- Breite Diversifikation: Du investierst breit gestreut über verschiedene Märkte, Regionen und Anlageklassen.
Wer passiv investiert, akzeptiert die Marktrendite, anstatt sie schlagen zu wollen. Das bedeutet: Du verzichtest bewusst darauf, durch Einzelaktien-Picks, Timing oder taktische Umschichtungen eine Überrendite zu erzielen. Stattdessen setzt du auf die langfristige Wertentwicklung des Gesamtmarktes – und genau dafür können ETFs ein ideales Werkzeug sein. Aber eben nur, wenn du sie auch entsprechend einsetzt.
Warum diese Unterscheidung so wichtig ist
Kommer kritisiert, dass in vielen Diskussionen über den „Marktanteil passiver Investments" verschiedene Dinge wild durcheinandergeworfen werden: die Produktform (ETF versus aktiver Fonds), das Handelsverhalten (buy and hold versus aktives Trading) und die Marktwirkung (stabilisierend versus destabilisierend). Das führt zu Verwirrung und falschen Schlussfolgerungen.
Wenn beispielsweise Statistiken zeigen, dass immer mehr Geld in ETFs fließt, wird das oft als Beweis für den Siegeszug des passiven Investierens gewertet. Doch das ist ein Fehlschluss. Denn unter den ETF-Anlegern gibt es sowohl passive Buy-and-Hold-Investoren als auch aktive Trader, die versuchen, durch geschicktes Timing Gewinne zu machen. Die reine ETF-Nutzung sagt also nichts über die tatsächliche Anlagestrategie aus.
So erkennst du, ob du wirklich passiv investierst
Stell dir selbst diese Fragen, um herauszufinden, ob du tatsächlich passiv investierst:
- Schaust du regelmäßig nach, ob du umschichten solltest? Wenn ja, handelst du vermutlich aktiv.
- Versuchst du, günstige Einstiegszeitpunkte abzupassen? Das ist Market Timing – und damit aktiv.
- Wechselst du zwischen verschiedenen Regionen oder Branchen, weil du an bestimmte Trends glaubst? Auch das ist aktives Investieren.
- Hältst du deine Investments langfristig, unabhängig von Marktschwankungen? Dann bist du auf dem richtigen Weg zur passiven Strategie.
- Bist du breit diversifiziert über den Weltmarkt? Ein gutes Zeichen für passives Investieren.
Praktische Tipps für echtes passives Investieren
Wenn du die Vorteile des passiven Investierens wirklich nutzen willst, solltest du folgende Grundsätze beherzigen:
- Einmal kaufen, lange halten: Richte dir einen Sparplan ein und lass ihn einfach laufen – über Jahre, nicht Monate.
- Ignoriere Marktschwankungen: Vermeide es, bei jedem Kurssturz in Panik zu verkaufen oder bei Höchstständen „Gewinne mitzunehmen".
- Setze auf weltweite Diversifikation: Ein MSCI World oder FTSE All-World ETF bildet tausende Unternehmen aus Dutzenden Ländern ab.
- Vermeide taktische Spielereien: Widerstehe der Versuchung, auf Trends aufzuspringen oder Sektoren zu übergewichten.
- Automatisiere deine Anlage: Je weniger du aktiv eingreifst, desto besser für deine langfristige Rendite.
Fazit: ETF ist nicht gleich passiv

Markttiming funktioniert in den seltensten Fällen.
Der wichtigste Takeaway aus Kommers Analyse: Ein ETF im Depot macht dich nicht automatisch zum passiven Investor. Entscheidend ist nicht das Produkt, sondern deine Anlagephilosophie und dein Verhalten. Passiv investieren bedeutet, auf Prognosen zu verzichten, langfristig investiert zu bleiben und den Markt nicht schlagen zu wollen. Wer das verinnerlicht, vermeidet nicht nur kostspielige Denkfehler, sondern erhöht seine Chancen auf langfristigen Anlageerfolg erheblich.
Dein nächster Schritt: Beobachte dich selbst in den kommenden Wochen. Wie oft öffnest du dein Depot? Wie oft überlegst du, etwas umzuschichten? Wenn die Antwort „häufig" lautet, bist du vermutlich aktiver unterwegs, als du denkst – und könntest von einer echten Buy-and-Hold-Strategie profitieren.