Pferdegestütztes Coaching: Was wirklich dahintersteckt – und was nicht
Franziska Müller - Pionierin des pferdegestützten Coachings
Du hast den Begriff „pferdegestütztes Coaching" schon mal gehört und stellst dir einen Menschen vor, der einfach am Pferd steht und schwupps, ist alles gut? Dann wird es Zeit für einen Reality-Check. Denn echtes pferdegestütztes Coaching hat nichts mit Streicheleinheiten und Wohlfühlmomenten zu tun. Es ist tiefgehend, fordernd und manchmal auch unbequem. Aber genau deshalb wirkt es.
Was pferdegestütztes Coaching nicht ist
Fangen wir mit den Missverständnissen an. Pferdegestütztes Coaching bedeutet nicht, dass du eine Gruppe Menschen neben ein Pferd stellst, alle ein bisschen streicheln lässt und dann sagst: „Macht was draus!" Es geht auch nicht darum, dass Pferde dir irgendwas „abnehmen" oder dass du mehrere Klienten gleichzeitig coachst, ohne wirklich hinzuschauen. Das wäre Show – aber kein Coaching.
Ein konkretes Beispiel: Eine Teilnehmerin erzählte von einem sogenannten pferdegestützten Coaching, bei dem alle nur neben den Pferden standen. Keine Fragen, keine Interventionen, keine Auswertung. Nur: „Nehmt das mit nach Hause." Sorry, aber das ist Zeitverschwendung.
Wahres pferdegestütztes Coaching fordert dich als Coach und deinen Klienten. Es geht darum, hinter die Fassade zu schauen, unbequeme Fragen zu stellen und Themen sichtbar zu machen, die der Mensch vielleicht lieber verdrängen würde. Natürlich immer mit Respekt, aber eben auch mit Klarheit.
Das Pferd ist kein Werkzeug – es ist Partner
Ein zentraler Wert im pferdegestützten Coaching: Das Pferd darf Nein sagen. Es ist kein Werkzeug, das du nach Belieben einsetzt. Wenn sich ein Pferd entzieht, darf es gehen. Wenn es stehen bleibt, darf es stehen bleiben. Und wenn es ein Verhalten zeigt, das dich oder deinen Klienten verunsichert, dann ist das Teil des Prozesses – nicht ein Problem, das du wegmanipulieren musst.

Pferde dürfen bei Franziska Müller im Coaching sie selbst sein - Zerren und Druck sind nicht erlaubt!
Pferde sind Fluchtiere. Sie zeigen, was ist – ohne Filter, ohne soziale Maske. Und genau das macht sie zu so wertvollen Coachingpartnern. Aber nur, wenn du sie als gleichwertige Partner behandelst. Zwinge dein Pferd zu nichts. Lass es sein, wie es ist. Lass es undressiert und echt sein. Denn nur dann kann es wirklich spiegeln, was im Klienten vor sich geht.
Deine Rolle als Coach: Klar, empathisch, präsent
Als pferdegestützter Coach brauchst du keine Dressur-Skills oder zirzensische Lektionen. Was du brauchst: Empathie, Klarheit und die Fähigkeit, Menschen wirklich zu sehen. Du musst ein Pferd sicher führen können und einschätzen, wann ein Prozess unsicher wird. Aber vor allem musst du gerne mit Menschen arbeiten und ihnen helfen wollen.
Und ja, du darfst eigene Themen haben – wir alle haben sie. Aber im Coaching musst du sie zur Seite schieben können. Wenn dich ein Thema triggert, darfst du das nicht auf dein Pferd oder deinen Klienten projizieren. Du bist der Raum, in dem Heilung passieren darf. Deshalb gehst du wie ein weißes Blatt Papier ins Coaching: ohne Erwartungen, ohne Druck, ganz im Hier und Jetzt.

Empathie, Offenheit, Verantwortung und Flexibilität sind mit die wichtigsten Voraussetzungen, die ein pferdegestützter Coach mitbringen sollte.
Denn wenn du mit einer Erwartung ins Coaching gehst – „Das muss so laufen, das Ergebnis muss ich liefern" –, dann spürt das Pferd deinen Druck. Und dann spiegelt es nicht mehr den Klienten, sondern dich.
Die Kunst der Wahrnehmung: Was das Pferd dir zeigt
Niemals interpretieren – immer übersetzen
Hier wird's spannend: Du darfst niemals interpretieren, was das Pferd tut. Sag niemals: „Das Pferd scharrt, weil du nicht zu Potte kommst." Das wäre Manipulation. Stattdessen übersetzt du das Verhalten in eine offene Frage: „Hast du eine Idee, weshalb das Pferd gerade mit den Hufen scharrt?"
Der Klient hat immer die Möglichkeit, die Frage abzulehnen oder sich etwas anderes zu wünschen. Das ist essenziell. Denn unterschiedliche Pferde zeigen das gleiche Thema oft durch unterschiedliche Verhaltensweisen. Wenn du jedes Verhalten in ein festes Schema presst, verlierst du die Individualität und damit die Tiefe.
Ein Beispiel aus der Praxis
Eine Klientin hatte das Thema, Dinge nicht aussprechen zu können. Immer blieb etwas in ihr stecken. Das Pferd, mit dem sie arbeitete – ein chronischer Huster – hustete bei ihr ununterbrochen. Bei anderen nicht. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem klar war: Sie muss jetzt wirklich aussprechen, was Sache ist. Sie tat es und das Pferd hustete von da an kein einziges Mal mehr bei ihr.
Wichtig: Es geht nicht darum zu sagen, „Das Pferd hustet, weil du nicht redest." Aber es geht darum, die Brücke zu erkennen und daraus die richtige Frage zu formulieren.
Alles hat Bedeutung – auch das Nichtstun
Manchmal macht das Pferd scheinbar „nichts". Es steht einfach da. Und dann fragst du dich vielleicht: „Was soll ich jetzt damit anfangen?" Schau genauer hin. Vielleicht nimmst du auf energetischer Ebene etwas wahr. Vielleicht siehst du ganz feine Anzeichen. Oder das Nichtstun ist selbst das Thema und der Klient sagt plötzlich: „Ach ja, ich würde auch gerne mal einfach nichts tun."
Alles, was dein Pferd dir zeigt, hat etwas mit dem Coachingprozess zu tun. Verlass dich darauf. Ob es sich hinlegt, in die Ecke stellt oder weggeht – es zeigt dir etwas. Deine Aufgabe ist es, das wahrzunehmen, zu fühlen und in den Prozess zu integrieren.
Auch Esel sind großartige Coachingpartner
Übrigens: Du kannst auch mit Eseln coachen. Sie sind keine Fluchttiere – sie bleiben stehen, wo ein Pferd gehen würde. Und sie sind so klar und direkt, dass es manchmal fast unheimlich ist. Hammer!
Du brauchst kein „ausgebildetes" Coaching-Pferd
Noch eine wichtige Botschaft: Dein Pferd muss nicht speziell ausgebildet sein. Du kannst mit jedem Pferd der Welt coachen – sogar mit fremden. Tatsächlich kann es sogar von Vorteil sein, wenn dein Pferd bestimmte Dinge nicht kann oder Ängste hat. Denn dann ist es wie ein unbeschriebenes Blatt – rein, echt, ungefiltert.
Ein Pferd, das Angst vor einer Plane hat, zeigt dir vielleicht, wie schnell der Klient Druck aufbaut oder wie schlecht er es aushält, wenn etwas nicht funktioniert. Ein „perfekt ausgebildetes" Pferd würde diese Dynamik nicht sichtbar machen.
Energie, Spiritualität und die Tiefe des Prozesses
Pferdegestütztes Coaching funktioniert nicht rein rational. Wenn du nur nach Zahlen und Fakten arbeitest, ist das Pferd definitiv das falsche Medium. Denn mit Pferden arbeitest du mit Energien. Wir alle sind Energie. Das Pferd spürt deine Energie, du spürst die des Raums, die des Klienten.
Ein Beispiel: Eine Teilnehmerin war in einer Coaching-Session dabei, und jedes Mal, wenn sie im Raum war, begann ein bestimmtes Pferd zu gähnen. Bei anderen tat es das nicht. Also bat ich sie, den Raum zu verlassen – und das Pferd hörte auf. Irgendetwas an ihrer Energie nahm dem Pferd in dem Moment etwas. Mein Job war es, das Pferd zu schützen.
Solche feinen Wahrnehmungen sind kein Hokuspokus. Sie sind real – und sie sind der Schlüssel zu wirklich tiefgehenden Coachings.
Nicht mehrere Menschen gleichzeitig
Noch ein Hinweis: Schick nicht einfach mehrere Menschen gleichzeitig zu den Pferden und lass sie „mal machen". Das mag wie großes Theater aussehen – aber es ist kein Coaching. Du kannst nur einen Menschen wirklich sehen, fühlen, wahrnehmen. Nur bei Teamübungen, wenn es um die Gruppe als Ganzes geht, kann es Sinn machen, mehrere Personen gleichzeitig einzubeziehen.
Und: Du brauchst maximal zwei Pferde. Mehr ist Show, aber nicht effektiv.
Fazit: Echtes Coaching ist klar, tief und fordernd
Pferdegestütztes Coaching ist kein "wir streicheln ein Pferd oder stellen uns an ein Pferd und schauen mal, was passiert." Es ist echte Arbeit – für den Klienten und für dich als Coach. Nur für das Pferd ist es keine Arbeit, weil es darf so sein, wie es ist. Es muss nichts leisten, sondern darf sein. Ein pferdegestütztes Coaching fordert Ehrlichkeit, Klarheit und den Mut, hinzuschauen. Aber genau deshalb wirkt es so nachhaltig.

Pferdegestütztes Coaching erreicht Menschen auf tiefster Ebene und das Erleben macht es so nachhaltig!
Wenn du als pferdegestützter Coach arbeitest, dann sei präsent. Sei klar. Sei ehrlich. Und vor allem: Respektiere dein Pferd als Partner, nicht als Werkzeug. Nur dann kann echte Transformation geschehen.
Also: Schau genau hin. Fühl genau hin. Und hab den Mut, die unbequemen Fragen zu stellen. Deine Klienten und deine Pferde werden es dir danken.