Ruhestandsplanung: Drei Denkfehler, die fast jeder vor dem Renteneintritt macht

Text zu den Denkfehlern in der Ruhestandsplanung vor dem Renteneintritt.

Drei Denkfehler im Ruhestand

"Ich habe jetzt XXX.000€, also bin ich sicher." Dieser Satz klingt beruhigend - und ist gleichzeitig einer der teuersten Gedanken, den du dir im Zusammenhang mit deinem Ruhestand machen kannst. Nicht, weil die berechnete Zahl grundsätzlich falsch wäre. Sondern weil eine einzelne Zahl niemals abbilden kann, wie sich die nächsten 30, 40 oder sogar 50 Jahre deines Lebens tatsächlich entwickeln werden.

Die Wahrheit ist: Es gibt drei Denkfehler, die fast jeder vor dem Renteneintritt macht. Jeder einzelne kostet dich bares Geld. Der dritte davon fühlt sich dabei paradoxerweise am sichersten an - und ist in Wirklichkeit der teuerste von allen. Eine Zahl vorab, die aufhorchen lässt: Rund ein Drittel aller Ruheständler besitzt nach 20 Jahren im Ruhestand mehr Vermögen als am ersten Tag. Klingt nach einer Erfolgsgeschichte, ist es aber meistens nicht - warum, erfährst du jetzt.

Warum eine Zahl niemals ein Plan ist

Das Problem an klassischen Ruhestandsplanungen: Die meisten Menschen verbringen 30 Jahre oder länger damit, auf den Ruhestand hinzuplanen - und hören dann ausgerechnet am ersten Tag im Ruhestand auf zu planen. Dabei sind es selten Rechenfehler, die zum Problem werden. Es sind grundsätzliche Denkfehler und Glaubenssätze, die sich vernünftig anfühlen, es aber am Ende nicht sind.

Denkfehler 1: "Meine Zahl reicht für den Seelenfrieden"

Eine Vermögenszahl sagt dir, wie viel Geld du hast. Sie sagt dir aber nicht, wie lange dieses Geld reichen muss. Ein Mann, der heute 65 Jahre alt ist, hat statistisch noch etwa 18 Jahre zu leben. Eine Frau im selben Alter kommt auf rund 21 Jahre. Das Tückische: Das sind Durchschnittswerte. Die eine Hälfte der Menschen lebt kürzer, die andere länger - ein Durchschnitt zu verwenden ist damit im Grunde ein Münzwurf.

Stell dir ein Paar vor, beide 65 Jahre alt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass einer von beiden deutlich länger lebt als geplant - vielleicht 15 Jahre länger als ursprünglich kalkuliert. Genau dieses Loch in der Planung lässt sich am Ende der Lebenszeit kaum noch stopfen. Deshalb gilt: Deine Vermögenszahl ist wie ein Foto - eine Momentaufnahme. Dein Ruhestand hingegen ist ein Film, der sich über Jahrzehnte entwickelt. Und niemand plant einen Film anhand eines einzelnen Standbildes.

Mann spricht über Ruhestandsplanung und Denkfehler in einem Interview.

Thorsten Illig-Martin, Gründer timvestment

Denkfehler 2: "Im Ruhestand brauche ich automatisch weniger Geld"

Dieser Satz stimmt im statistischen Schnitt - aber nicht in jedem einzelnen Lebensjahr. Die ersten Jahre nach dem Renteneintritt sind erfahrungsgemäß die teuersten. Warum? Zeit ist da, Gesundheit ist da, und das Geld ist ebenfalls verfügbar. Die aufgeschobene Traumreise wird endlich gebucht, das alte Bad wird renoviert, ein neues Auto steht an, vielleicht feiert die Tochter Hochzeit oder das erste Enkelkind kommt zur Welt.

Das Problem: Geld, das früh ausgegeben wird, fehlt über den langen Zeithorizont beim Zinseszinseffekt. Danach folgen tatsächlich ruhigere Jahre, in denen sich das Vermögen real nur um etwa 2 bis 4 Prozent pro Jahr verringert. Doch dann kommt der zweite große Ausgabenschub, den viele komplett übersehen: die Pflege. Ein Pflegeheim kostet im Schnitt mindestens 3.500 bis 4.000 Euro monatlich. Wer über 90 Jahre alt wird, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent pflegebedürftig. Bei einem angenommenen Pflegezeitraum von fünf Jahren kommen so schnell zusätzliche 200.000 Euro zusammen, die in der ursprünglichen Planung fehlen.

Denkfehler 3: "Im Ruhestand muss ich auf Nummer sicher gehen"

Dieser dritte Denkfehler fühlt sich am besten an - und kostet gleichzeitig am meisten. Viele Menschen reduzieren beim Renteneintritt drastisch ihren Aktienanteil und parken stattdessen den Großteil des Vermögens auf Festgeld, Sparbuch oder in Anleihen. Das Problem versteckt sich im Wort "sicher": 100.000 Euro sind bei 2,5 Prozent Inflation in 30 Jahren nur noch rund 48.000 Euro wert - obwohl auf dem Kontoauszug weiterhin 100.000 Euro stehen. Die Kaufkraft hat sich dennoch halbiert.

Diese 2,5 Prozent Inflation sind keine Panikmache, sondern der reale 10-Jahres-Durchschnitt in Deutschland, der bei 2,6 Prozent liegt - nach Corona zeitweise sogar deutlich höher. Erschreckend dabei: Nur 17 Prozent der 60-Jährigen besitzen überhaupt Aktien, Fonds oder ETFs. Der Rest lässt sein Geld unverzinst auf Tagesgeld oder Sparbuch liegen und verliert dadurch real Kaufkraft.

Genau hier liegt die Erklärung für die eingangs erwähnte Studie: Ein Drittel der Ruheständler hat nach 20 Jahren gleich viel oder mehr Vermögen als am ersten Tag. Das ist keine Erfolgsgeschichte - es ist das Ergebnis von übertriebenem Sparen aus Angst. Die spannende Frage für dich lautet: Möchtest du deinen Ruhestand so verbringen, dass du ständig auf jeden Euro schaust? Oder möchtest du dein Vermögen sinnvoll entsparen und dir tatsächlich etwas davon leisten?

DenkfehlerWarum er trügerisch istBessere Herangehensweise
"Meine Zahl reicht"Lebenserwartung ist ein Durchschnittswert, kein FixpunktPlanung regelmäßig aktualisieren, Lebenserwartung als Spanne betrachten
"Ich brauche automatisch weniger"Ausgaben verlaufen in zwei Schüben, nicht gleichmäßig fallendAnfangsjahre und Pflegephase separat einplanen
"Ich muss auf Nummer sicher gehen"Inflation frisst reale Kaufkraft bei zu konservativer AnlageSicherheitspuffer plus weiterhin renditeorientierte Anlage
Ein weißes Sparschwein symbolisiert die Ruhestandsplanung und Ersparnisse.

Tagesgeld oder Sparbuch schützen nicht vor Inflation

Der Ruhestand ist kein Ziel, sondern ein neuer Startpunkt

Die größte Erkenntnis aus all dem: Der Ruhestand ist keine Ziellinie, die du einmal erreichst und dann abhaken kannst. Er ist der Startschuss für eine neue, sehr lange Lebensphase - eine, die durch medizinischen und technologischen Fortschritt womöglich noch länger ausfällt, als sich heute überhaupt planen lässt.

Deshalb funktioniert die Devise "einmal planen, Plan ist fix" nicht. Stattdessen brauchst du einen Plan, den du regelmäßig überprüfst, aktualisierst und an neue Lebensumstände anpasst - vor dem Ruhestand ebenso wie während des Ruhestands.

Fazit: Plane den Film, nicht das Foto

Die zentrale Botschaft dieses Artikels lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Eine einmalige Zahl ersetzt keine laufende Planung. Überprüfe deine Lebenserwartung nicht als starren Wert, sondern als Spanne. Rechne mit zwei teuren Phasen im Ruhestand statt mit einer gleichmäßig sinkenden Ausgabenkurve. Und verabschiede dich von der Vorstellung, dass "sicher" automatisch gleichbedeutend mit "ohne Risiko investiert" ist - denn Inflation ist ein Risiko, das du beim reinen Sparen komplett ignorierst.

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Wie viel Vermögen brauche ich wirklich für den Ruhestand?

Es gibt keine pauschale Zahl, da die individuelle Lebenserwartung, die Ausgabenstruktur und die gewünschte Lebensqualität stark variieren. Wichtiger als eine fixe Zahl ist ein Plan, der regelmäßig mit realistischen Annahmen zu Inflation, Rendite und Lebenserwartung aktualisiert wird.

Sollte ich im Ruhestand komplett aus Aktien aussteigen?

Nein, ein kompletter Ausstieg ist meist nicht sinnvoll, da die Inflation die Kaufkraft von rein sicheren Anlagen über Jahrzehnte deutlich reduziert. Ein Sicherheitspuffer für kurzfristige Entnahmen kombiniert mit einem weiterhin renditeorientierten Anteil ist meist die bessere Strategie.

Was ist ein dynamischer Entnahmeplan?

Bei einem dynamischen Entnahmeplan wird die monatliche Entnahme an die aktuelle Marktlage angepasst, sodass in guten Börsenjahren etwas mehr und in schwachen Jahren etwas weniger entnommen wird. Das verlängert die Reichweite des Depots erheblich im Vergleich zu einer fixen Entnahme.

Wie stark wirkt sich ein schlechter Börsenstart auf meinen Ruhestand aus?

Ein schwacher Börsenstart in den ersten Jahren der Entnahmephase kann die Reichweite des Vermögens deutlich verkürzen, da das Portfolio früh einbricht und gleichzeitig keine neuen Einzahlungen mehr erfolgen. Genau deshalb lohnt sich eine flexible statt einer starren Entnahmestrategie.

Wie oft sollte ich meine Ruhestandsplanung überprüfen?

Eine regelmäßige Überprüfung, mindestens einmal jährlich, ist sinnvoll, um Vermögensentwicklung, Ausgaben und Lebenserwartung realistisch abzugleichen. Der Ruhestand sollte als laufender Prozess und nicht als einmalig festgelegter Plan verstanden werden.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist in keiner Art und Weise eine professionelle (Anlage-)Beratung und ersetzen diese auch nicht. Es handelt sich auch nicht um eine Rechts- oder Steuerberatung.

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