Sell in May and go away: Warum dieser Börsenspruch dir mehr schadet als nützt

Aktien verkaufen im Mai? Mach das erst, wenn du diesen Chart siehst

Aktien verkaufen im Mai? Mach das erst, wenn du diesen Chart siehst

Du hast ihn bestimmt schon gehört: „Sell in May and go away, but remember, come back in September". Die Idee klingt verlockend einfach – verkaufe im Mai deine Aktien und steige Ende September wieder ein. Doch was ist wirklich dran an dieser uralten Börsenweisheit? Und noch wichtiger: Solltest du als Anleger tatsächlich danach handeln? Spoiler: Die Statistik offenbart überraschende Wahrheiten, die dir bares Geld sparen können.

Was die Statistik wirklich zeigt

Werfen wir einen Blick auf die harten Fakten. Eine Studie von Carsle Research hat die besten und schlechtesten Sechs-Monats-Phasen an der Börse untersucht. Das Ergebnis: November bis April ist tatsächlich die stärkste Phase mit durchschnittlich 7% Gewinn – und das in 76% aller Fälle. Beeindruckend.

Aber jetzt wird es interessant: Der angeblich so schwache Zeitraum Mai bis Oktober bringt immer noch durchschnittlich 2,1% Rendite – und zwar in 65,8% der Fälle positiv. Das bedeutet: Auch in der "schlechten" Phase steigen Aktien tendenziell eher, als dass sie fallen. Von einem dramatischen Verlustrisiko kann also keine Rede sein.

Eine weitere 60-Jahres-Statistik von Topdown Shorts zum S&P 500 bestätigt dieses Bild. Der Mai zeigt eine durchschnittliche Rendite von 0,3% mit einer Trefferquote von 61%. Zum Vergleich: Der einzige wirklich negative Monat ist der September mit -0,7%. Ausgerechnet der Monat, in dem die alte Börsenregel empfiehlt, wieder einzusteigen.

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Die steuerliche Realität

Hier kommt der Knackpunkt: Selbst wenn du durch das Verkaufen im Mai minimale Verluste vermeiden könntest, würdest du durch die anfallenden Steuern beim Verkauf wahrscheinlich mehr verlieren, als du durch das Market-Timing gewinnst. Für langfristig orientierte Anleger macht "Sell in May" also aus rein mathematischer Sicht keinen Sinn.

Der smarte Weg: Einfache Chartanalyse statt blinder Regeln

Anstatt blind einem 100 Jahre alten Spruch zu folgen, gibt es einen deutlich intelligenteren Ansatz – und der ist erstaunlich simpel. Du brauchst nur zwei Dinge:

  • Einen Wochenchart deines Index (S&P 500, DAX, Nasdaq)
  • Einen 21-Wochen gleitenden Durchschnitt

Die Regel ist denkbar einfach: Liegt der Markt zu Beginn des Mai über diesem gleitenden Durchschnitt, bleibst du investiert. Liegt er darunter, könnte die "Sell in May"-Regel tatsächlich Sinn ergeben.

So funktioniert es in der Praxis

Schauen wir uns konkrete Beispiele am S&P 500 an:

  • 2023: Markt über dem Durchschnitt zu Beginn Mai → positive Entwicklung
  • 2022: Markt unter dem Durchschnitt im Mai (Abwärtstrend) → tatsächlich weitere Verluste
  • 2021: Deutlich über dem Durchschnitt → starke positive Entwicklung
  • 2020: Nach Corona-Einbruch über den Durchschnitt gestiegen → aufwärts

Dieses Muster zeigt sich über Jahre hinweg. Natürlich gibt es Ausnahmen – 2015 beispielsweise lag der Markt über dem Durchschnitt, rutschte aber im August trotzdem ab. Eine 100%ige Trefferquote gibt es an der Börse nie. Aber du kombinierst statistische Wahrscheinlichkeiten mit aktueller Marktstärke und erhältst so ein deutlich klareres Bild als durch sture Kalenderregeln.

Was bedeutet das für 2024 und darüber hinaus?

Aktuell liegen sowohl der S&P 500 als auch der Nasdaq deutlich über ihrem 21-Wochen-Durchschnitt. Der DAX zeigt ebenfalls Stärke, auch wenn das Bild nicht ganz so eindeutig ist wie bei den US-Indizes. Nach dieser Logik wäre "Sell in May" in diesem Jahr wahrscheinlich keine sinnvolle Strategie.

Der eigentliche Clou: Diese Methode ist kein komplexes Handelssystem. Sie ist bewusst einfach gehalten – und gerade deshalb funktioniert sie. An der Börse gewinnen nicht die kompliziertesten Strategien, sondern die einfachen, die du konsequent durchziehst.

Fazit: Gesunder Menschenverstand schlägt alte Weisheiten

"Sell in May and go away" klingt nach bewährter Börsenweisheit, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung aber als überholte Regel, die für die meisten Privatanleger mehr schadet als nützt. Die Statistik zeigt: Selbst die "schlechten" Monate bringen im Schnitt positive Renditen.

Statt blind Kalenderregeln zu folgen, lohnt sich der Blick auf den tatsächlichen Markttrend. Mit einem simplen gleitenden Durchschnitt erkennst du innerhalb von Sekunden, ob der Markt in einer starken oder schwachen Phase ist. Das ist nicht nur logischer, sondern auch profitabler als pauschales Market-Timing.

Der bessere Teil der alten Regel? "Remember, come back in September" – Ende September bei Schwäche wieder einzusteigen, macht statistisch tatsächlich mehr Sinn als das Verkaufen im Mai.

Merke dir: Mit ein bisschen Statistik, einem Blick in den Chart und gesundem Menschenverstand bist du den meisten selbsternannten Gurus bereits einen Schritt voraus. Probier es bei der nächsten Gelegenheit selbst aus – dein Depot wird es dir danken.

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