Strom ab 16 Cent? Was hinter dem „günstigsten Stromtarif" von Enpal steckt
Was steckt hinter dem "16 Cent/kWh" versprechen?
„Der günstigste Stromtarif Deutschlands" – mit diesem verlockenden Versprechen wirbt die Photovoltaik-Firma Enpal für ihren Stromtarif „Enpal OnePlus". Strom ab 16 Cent pro Kilowattstunde klingt nach einem echten Schnäppchen, schließlich liegt der durchschnittliche Neuvertragspreis in Deutschland derzeit bei etwa 27 Cent. Doch lohnt sich das Angebot wirklich? Oder verstecken sich hinter der Werbeaussage versteckte Kosten und Bedingungen, die den vermeintlichen Traumtarif zur Kostenfalle machen können?
Was steckt wirklich hinter dem 16-Cent-Versprechen?
Auf den ersten Blick wirkt das Angebot unschlagbar. Doch wer sich die Details genauer anschaut, stößt schnell auf mehrere Haken. Der beworbene Preis von 16 Cent pro Kilowattstunde gilt nämlich nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen – und die haben es in sich.
Voraussetzung Nr. 1: Du musst Enpal-Kunde sein
Den Stromtarif bekommst du nicht einfach so. Laut Enpal ist er nur in Kombination mit dem Kauf einer Photovoltaikanlage, einem Stromspeicher und dem hauseigenen Energiemanagementsystem verfügbar. Das bedeutet: Bevor du überhaupt in den Genuss des günstigen Stroms kommst, musst du erst einmal eine komplette PV-Anlage von Enpal installieren lassen – und die ist nicht gerade billig. Erfahrungen zeigen, dass Enpal-Angebote häufig mehrere tausend Euro teurer sind als vergleichbare Angebote anderer Anbieter.
Voraussetzung Nr. 2: Die 16 Cent gelten nur für die wenigsten
Selbst wenn du alle Bedingungen erfüllst, gilt der 16-Cent-Preis längst nicht überall. Enpal selbst schreibt im FAQ-Bereich der Website, dass sich die Netzentgelte regional unterscheiden – und damit auch der Strompreis. Die 16 Cent gelten nur für das günstigste Netzgebiet in Deutschland. Im Durchschnitt liegt der Arbeitspreis bei 21 Cent pro Kilowattstunde. Die meisten Kunden zahlen also von vornherein mehr als die beworbenen 16 Cent.
Voraussetzung Nr. 3: Die Grundgebühr nicht vergessen
Zu den 16 Cent (oder realistischer: 21 Cent) kommt noch eine monatliche Grundgebühr von durchschnittlich 15 Euro hinzu. Das sind 180 Euro pro Jahr, die zusätzlich anfallen – unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch. Bei einem Jahresverbrauch von 3.000 Kilowattstunden entspricht das bereits einem Aufschlag von 6 Cent pro Kilowattstunde.
Der Trick mit den reduzierten Netzentgelten
Wer einen Stromspeicher installiert, hat Anspruch auf reduzierte Netzentgelte – eine sogenannte steuerbare Verbrauchseinheit. Dieser Rabatt liegt je nach Region bei etwa 110 bis 190 Euro pro Jahr und wird normalerweise separat auf der Stromrechnung ausgewiesen. Enpal rechnet diesen Rabatt jedoch direkt in den Strompreis ein, um auf die werbewirksamen 16 Cent zu kommen. Das Problem: Diesen Rabatt bekommst du auch bei jedem anderen Anbieter mit Stromspeicher – er ist also kein Alleinstellungsmerkmal von Enpal. Bei einem durchschnittlichen Rabatt von 150 Euro und einem Verbrauch von 3.000 Kilowattstunden macht das etwa 5 Cent pro Kilowattstunde aus, die du beim Tarifvergleich berücksichtigen musst.

Wer einen Stromspeicher betreibt spart beim Netzentgeld
Die Rechnung: Was kostet der Enpal-Strom wirklich?
Die Verbraucherschutz-Plattform Finanztipp hat nachgerechnet und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Wenn man alle versteckten Kosten und Bedingungen einbezieht, sieht die Kalkulation so aus:
- Durchschnittlicher Arbeitspreis: 21 Cent/kWh
- Plus Rabatt für reduzierte Netzentgelte: 5 Cent/kWh
- Realer Arbeitspreis: 26 Cent/kWh
- Plus durchschnittliche Grundgebühr: 15,50 Euro/Monat
Bei einem Jahresverbrauch von 3.000 Kilowattstunden ergibt sich daraus ein tatsächlicher Strompreis von 32,2 Cent pro Kilowattstunde. Das liegt mehr als 5 Cent über dem durchschnittlichen Neuvertragspreis von 27 Cent – und damit deutlich über dem beworbenen Schnäppchenpreis.
Achtung: Verbrauchsgrenze bei 3.000 kWh
Und es kommt noch dicker: Der günstige Arbeitspreis gilt nur für die ersten 3.000 Kilowattstunden pro Jahr. Wer mehr verbraucht – etwa durch eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto – zahlt für jede weitere Kilowattstunde 11 Cent extra. Das bedeutet: Ab der 3.001. Kilowattstunde steigt der Preis auf satte 43,2 Cent pro Kilowattstunde. Selbst mit einer PV-Anlage auf dem Dach kann diese Grenze bei höherem Stromverbrauch schnell erreicht sein.
Weitere versteckte Einschränkungen:

Wer trotz PV zu viel verbraucht, wird zur Kasse gebeten
- Preisgarantie nur 12 Monate: Nach einem Jahr kann Enpal die Preise beliebig erhöhen
- Vertragsbindung: Kündigst du den Stromvertrag, funktioniert das Energiemanagementsystem nicht mehr optimal
- Stromzähler-Problematik: Enpal baut eigene Zähler ein; bei Kündigung muss der Netzbetreiber diese wieder ausbauen
- Messstellenbetriebsvertrag: Kann auch nach Kündigung des Stromvertrags weiterlaufen
Fazit: Marketing-Versprechen vs. Realität
Der beworbene „günstigste Stromtarif Deutschlands" entpuppt sich bei genauer Betrachtung als cleveres Marketing. Die 16 Cent pro Kilowattstunde gelten nur unter absoluten Idealbedingungen und für die wenigsten Kunden. In der Realität zahlst du mit dem Enpal-Tarif durchschnittlich mehr als mit einem normalen Neuvertrag – und das bei deutlich geringerer Flexibilität.
Besonders wichtig: Entscheidend ist nicht der Lockpreis – sondern das Gesamtkonzept über 25 Jahre
Was viele bei solchen Angeboten übersehen: Der Strompreis im ersten Jahr ist völlig irrelevant. Entscheidend ist, was dich deine Energieversorgung über 20 bis 30 Jahre wirklich kostet.
Ein günstiger Einstiegspreis bringt dir nichts, wenn:
- Mehrverbrauch drastisch teurer wird
- du technisch und vertraglich gebunden bist
- dein Energiemanagement bei Kündigung eingeschränkt wird
Mein Tipp für dich: Bevor du dich für ein System entscheidest, lass dir dein Energiekonzept transparent durchrechnen. Nicht der beworbene Arbeitspreis zählt – sondern die Gesamtkosten über 20 bis 25 Jahre.
Wer eine Photovoltaikanlage installiert, trifft eine langfristige Investitionsentscheidung. Entscheidend sind:
- die tatsächlichen Systemkosten
- realistische Verbrauchsszenarien
- Preisentwicklung nach Ablauf der Garantie
- Vertragsflexibilität
- und die technische Unabhängigkeit vom Anbieter
Ein niedriger Einstiegspreis kann attraktiv wirken. Ob sich ein Energiekonzept wirklich lohnt, zeigt jedoch erst eine transparente Vollkostenrechnung.
Wer Angebote vergleicht, sollte deshalb nicht nur auf den Cent-Betrag pro Kilowattstunde schauen – sondern auf Wirtschaftlichkeit, Flexibilität und Planungssicherheit über die gesamte Laufzeit.