Mehr Umsatz durch den Ankereffekt
Der Anker Effekt im Vertrieb & Marketing - Matthias Bullmahn | psychologie, die verkauft
Stell dir vor, du sitzt in einer Verhandlung – top vorbereitet, selbstbewusst, bereit für mehr. Doch dann fällt eine Zahl. Und plötzlich kreisen all deine Gedanken nur noch um diese eine Zahl. Willkommen beim Ankereffekt, dem mächtigsten psychologischen Prinzip in Verhandlungen, Marketing und Verkauf. Wer ihn versteht, hat einen unfairen Vorteil. Wer ihn ignoriert, verschenkt bares Geld.
Der Ankereffekt beschreibt das Phänomen, dass die erste Information, die wir erhalten – oft eine Zahl – unsere gesamte weitere Bewertung beeinflusst. Und das Verrückte: Es passiert völlig unbewusst. Selbst wenn wir glauben, rational zu entscheiden, hat unser Gehirn längst einen emotionalen Fixpunkt gesetzt. Dieser Effekt wirkt direkt im limbischen System, unserem Emotionszentrum, nicht im präfrontalen Cortex, wo logisches Denken stattfindet.
Warum der erste Preis alles verändert

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Nehmen wir eine klassische Situation aus dem Executive Search: Eine Kandidatin verdient aktuell 150.000 Euro und bewirbt sich auf eine neue Position. Der Recruiter fragt nach dem bisherigen Gehalt. Klingt erstmal vernünftig, oder? Doch genau hier wird die Falle gestellt.
Sobald die 150.000 Euro im Raum stehen, ist der Anker gesetzt. Die Verhandlung wird sich nun um diese Zahl herum bewegen – vielleicht 160.000, maximal 180.000 Euro. Das Problem: Vielleicht wäre in der neuen Rolle aufgrund der speziellen Unternehmenssituation, dringenden Bedarfs oder besonderer Expertise auch ein Gehalt von 250.000 bis 300.000 Euro möglich gewesen. Durch den Anker wird diese Möglichkeit aber gar nicht mehr erkannt.
Die Krux dabei: Wir alle glauben, dass wir uns von solchen Zahlen nicht beeinflussen lassen. Dass wir die Information rational einordnen und neutral bewerten können. Doch wissenschaftliche Studien beweisen das Gegenteil – selbst Experten mit jahrelanger Erfahrung fallen darauf herein.
Das Glücksrad-Experiment: Wenn Zufall zur Wahrheit wird

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Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Kollege Amos Tversky führten ein legendäres Experiment durch: Probanden sollten ein Glücksrad drehen, das entweder bei 10 oder bei 65 stehen blieb. Direkt danach wurden sie gefragt, wie viel Prozent aller afrikanischen Staaten Mitglied der UN sind.
Das Ergebnis ist verstörend: Wer die 10 gesehen hatte, schätzte im Schnitt 25% der afrikanischen Staaten als UN-Mitglieder. Wer die 65 sah, schätzte 45%. Obwohl beide Zahlen absolut nichts mit der Frage zu tun hatten. Null Zusammenhang. Unser Gehirn nimmt den Kontext einfach raus und orientiert sich an der zuletzt gehörten Zahl.
Seevögel, Würfel und Restaurantnamen – der Beweis
Der Ankereffekt zeigt sich in den kuriosesten Situationen:
Spendenbereitschaft: In einem weiteren Experiment von Kahneman und Tversky sollten Menschen für von einer Ölpest betroffene Seevögel spenden. Ohne Anker lag die durchschnittliche Spende bei 64 Dollar. Mit dem Anker "Würden Sie 5 Dollar spenden?" sank sie auf 20 Dollar. Mit dem Anker "Würden Sie 400 Dollar spenden?" stieg sie auf 143 Dollar.
Richterurteile: Noch erschreckender wird es bei erfahrenen deutschen Richtern mit über 15 Jahren Berufspraxis. Sie sollten über eine Ladendiebin urteilen, nachdem sie gezinkte Würfel geworfen hatten – entweder eine 3 oder eine 9. Bei einer 3 verhängten sie im Schnitt 5 Monate Haft, bei einer 9 waren es 8 Monate. Ein Unterschied von 60% bei identischem Fall!
Restaurantpreise: Die Forscher Kritcher und Gilovic gaben einem Restaurant einmal den Namen "Studio 97" und einmal "Studio 17". Allein durch die höhere Zahl im Namen gaben Gäste beim "Studio 97" im Schnitt 8 Dollar mehr aus – obwohl die Speisekarte identisch war.
So nutzt du den Ankereffekt für dich

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In Gehaltsverhandlungen
Die goldene Regel: Nenne niemals zuerst dein aktuelles Gehalt. Dein Wert bemisst sich nicht an deiner Vergangenheit, sondern an dem, was du für das neue Unternehmen leisten kannst. Jede Situation ist individuell.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Klientin arbeitete im Influencer-Marketing in Berlin und generierte innerhalb von sechs Monaten 1,5 Millionen Euro mehr Umsatz als ihre Vorgängerin. Der Chef bot 50.000 Euro an, weil "in der Branche maximal 47.000 Euro üblich" seien. Nach professioneller Verhandlung: 80.000 Euro Grundgehalt plus Provision. Der Unterschied? Sie hat sich nicht am Marktdurchschnitt orientiert, sondern am individuellen Wert für das Unternehmen.
Im Marketing und Verkauf

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Hier wird der Ankereffekt zum Umsatzbeschleuniger. Die bewährte Strategie:
Erstelle immer drei Angebote:
- Das Basis-Angebot (z.B. 497 Euro): Ein reiner Online-Kurs, no Brainer, wenig persönlicher Support
- Das Standard-Angebot (z.B. 1.997 Euro): Online-Kurs plus Live-Sessions, Community, direkter Support – das ist dein Hauptprodukt, das du verkaufen willst
- Das Premium-Angebot (z.B. 25.000 Euro): 12 Monate intensive 1:1-Betreuung, VIP-Treatment
Was passiert im Kopf des Kunden? Das billigste Angebot wirkt zu wenig, das teuerste zu viel – das mittlere erscheint als perfekter Kompromiss. Genau das willst du. Und das Beste: Tatsächlich kauft auch immer jemand das Premium-Angebot.
Versteckte Anker in deinem Marketing
Der Ankereffekt funktioniert auch subtil. Wenn du in deinem Sales-Text erwähnst "Ich habe über 10.000 Menschen trainiert" und danach deinen Preis von 7.000 Euro nennst, wirkt dieser günstiger – obwohl beide Zahlen nichts miteinander zu tun haben. Unser Gehirn verarbeitet sie trotzdem im gleichen Kontext.
Praktische Tipps für deine Preisgestaltung:
- Zeige bei mehreren Paketen mit grünen Haken, was inkludiert ist
- Graue bei günstigeren Paketen aus, was fehlt
- Platziere das mittlere Angebot prominent oder markiere es als "Beliebteste Wahl"
- Nenne große Zahlen vor kleinen Preisen (Social Proof, Kundenzahlen, gesparte Stunden)

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Fazit: Der erste Schritt gewinnt
Der Ankereffekt ist keine Manipulation, sondern eine Realität menschlicher Wahrnehmung. Ob in Gehaltsverhandlungen, beim Pricing oder im Marketing – wer den ersten Anker setzt, bestimmt den Rahmen der gesamten Diskussion.
Dein Takeaway: Sei dir bewusst, wann du selbst geankert wirst – und nutze dieses Wissen strategisch für deine eigenen Verhandlungen und Angebote. In der nächsten Gehaltsverhandlung: Lass dich nicht als Erstes nach deinem aktuellen Gehalt fragen. In deinem nächsten Marketing-Material: Setze bewusst Anker durch Vergleichszahlen und drei gestaffelte Preisoptionen.
Der Ankereffekt arbeitet entweder für dich – oder gegen dich. Die Entscheidung liegt bei dir.