Rüstungsaktien als nachhaltig? Was du jetzt über deine Geldanlage wissen musst
Ist dein ETF mit Waffen und Rüstung noch nachhaltig?
Stell dir vor, du investierst bewusst in nachhaltige Fonds – und finanzierst damit unwissentlich Waffenproduktion. Klingt absurd? Ist aber seit Kurzem Realität.
Denn die EU hat Rüstungsaktien offiziell als nachhaltig deklariert. Was das für dich als Anleger bedeutet und wie du damit umgehen kannst, erfährst du in diesem Artikel.
Wie Rüstung plötzlich „grün" wurde
Seit einigen Jahren müssen Investmentfonds und ETFs eine sogenannte ESG-Ausweisung tragen – das Kürzel steht für Environmental (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung). Ursprünglich sollte diese Kennzeichnung Anlegern helfen, bewusst in ethisch vertretbare Unternehmen zu investieren. Wer nachhaltig anlegen wollte, konnte seinem Berater klar sagen: „Ich möchte mein Geld in saubere, faire Projekte stecken."
Doch im April 2023 geschah etwas Bemerkenswertes: Die EU-Kommission erklärte, dass die Verteidigungsindustrie „zur Sicherheit der europäischen Bürgerinnen und Bürger beiträgt" – und deshalb Zugang zu privaten Investitionen erhalten müsse. Kurz darauf, im Jahr 2024, änderte der deutsche Bundesverband Investment und Asset Management sein Regelwerk für nachhaltige Finanzprodukte. Die Folge: Rüstungsaktien dürfen nun in nachhaltige Fonds.
Was ist jetzt noch verboten – und was nicht?
Nach den neuen Regeln sind nur noch Investitionen in Hersteller völkerrechtlich geächteter Waffen untersagt. Dazu zählen:
- Antipersonenminen
- Streumunition
- Chemische und biologische Waffen
Alle anderen Rüstungsgüter gelten offiziell als nachhaltig investierbar:
- Atomwaffen
- Artillerie
- Kriegsschiffe
- Kampfflugzeuge
- Drohnen
- Raketen
- Panzer und Gewehre
Die Begründung der EU: Es bestehe ein „untrennbarer Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Verteidigung". Verteidigung sei ein entscheidender Bestandteil von Sicherheit, Frieden und Wohlstand – und damit auch von wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung.

Wenn nachhaltig plötzlich auch Rüstung bedeutet, sollten Anleger zunehmend kritisch hinterfragen.
Die drei Akteure hinter der Aufweichung
Drei Gruppen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Rüstung heute als nachhaltig gilt:
- Die Rüstungsindustrie selbst: Große Konzerne wie Rheinmetall werben bereits auf ihren Webseiten mit Nachhaltigkeit. Ihre Lobbyverbände haben massiv Druck gemacht.
- Die EU-Kommission: Sie hat die rechtlichen Weichen gestellt und die Verteidigungsindustrie offiziell als strategisch wichtig eingestuft.
- Die Finanzbranche: Für Fondsmanager sind Rüstungsaktien attraktiv – sie versprechen hohe Renditen. Durch die Aufweichung der ESG-Kriterien können sie diese nun auch in "grüne" Produkte packen.
Was das für dich als Anleger bedeutet
Wenn du in einen ETF oder Investmentfonds investierst, der mit Nachhaltigkeit wirbt, kann dieser nun ganz legal Rüstungsaktien enthalten. Du finanzierst also möglicherweise Waffenproduktion, ohne es zu wissen – selbst wenn du bewusst auf Nachhaltigkeit achtest.
Das Problem: Die meisten Anleger haben weder die Zeit noch die Ressourcen, jede einzelne Aktienposition in einem Fonds zu prüfen. Gerade bei breit gestreuten ETFs mit hunderten Positionen ist das kaum machbar.
Ein kleiner Reality-Check
Es ist wichtig, sich klarzumachen: Das Militär gehört weltweit zu den größten CO₂-Emittenten. Bomben, Minen, Kampfflugzeuge – all das zerstört nicht nur Menschenleben, sondern auch massiv die Umwelt. Die Militärausgaben sind 2025 auf den höchsten jemals registrierten Wert gestiegen: 2,87 Billionen US-Dollar. Die größten Zuwächse gab es dabei in Europa.
Von "Nachhaltigkeit" im ursprünglichen Sinne kann hier also keine Rede sein. Es handelt sich vielmehr um eine orwell'sche Begriffsverdrehung: Krieg wird zu Frieden, Zerstörung zu Nachhaltigkeit.
Was du jetzt tun kannst
Trotz der Komplexität hast du durchaus Möglichkeiten, bewusster mit deinem Geld umzugehen:
Überprüfe deine bestehenden Investments
Schau dir an, in welche Fonds oder ETFs du investiert bist. Lies dir die Produktinformationen durch oder frag bei deinem Berater nach, ob Rüstungsaktien enthalten sind.
Wähle gezielt aus
Es gibt nach wie vor Fonds, die Rüstung explizit ausschließen. Achte auf entsprechende Ausschlusskriterien in den Fondsdokumenten.
Investiere regional
Überlege, ob du in europäische oder deutsche Unternehmen investieren möchtest – so bleibt dein Kapital in der Region und fließt nicht automatisch nach China oder in die USA.
Setze auf Edelmetalle oder Sachwerte
Wenn dir ethische Aspekte wichtig sind, können physische Sachwerte wie Edelmetalle eine Alternative sein – hier kannst du auch auf saubere Lieferketten achten.
Sprich mit deinem Berater
Stell klare Fragen: Welche Branchen sind ausgeschlossen? Gibt es verbindliche Ausschlusskriterien? Ein seriöser Berater wird dir diese Fragen ehrlich beantworten.
Fazit: Dein Geld, deine Verantwortung
Die Deklaration von Rüstungsaktien als nachhaltig ist ein Paradebeispiel dafür, wie politische und wirtschaftliche Interessen die Bedeutung von Begriffen verändern können. Nachhaltigkeit bedeutet heute nicht mehr automatisch das, was du vielleicht darunter verstehst.
Das heißt nicht, dass du gar nicht mehr investieren solltest – aber es heißt, dass du genauer hinschauen musst. Akzeptiere, dass hundertprozentige Kontrolle schwierig ist, aber triff bewusste Entscheidungen, wo es möglich ist. Denn am Ende ist es dein Geld – und du entscheidest, wofür es eingesetzt wird.
Mein Tipp: Wenn du Wert auf moralische Klarheit legst, meide Einzelinvestitionen in Rüstung bewusst. Prüfe deine ETFs und Fonds kritisch. Und vor allem: Lass dich nicht von schönen Nachhaltigkeitssiegeln blenden, sondern schau hinter die Kulissen.