Unsichtbare Gefahr: Wie du deine Mitarbeiter vor Magnetfeldern schützt
Gefährdete Mitarbeitergruppe: Schrittmacherträger
Wenn das Herz deiner Mitarbeiter auf Technik angewiesen ist
Rund 100.000 Menschen in Deutschland bekommen jedes Jahr einen Herzschrittmacher oder Defibrillator implantiert – Tendenz steigend. Was viele Betriebsleiter nicht wissen: Elektromagnetische Felder am Arbeitsplatz können diese lebensrettenden Geräte beeinflussen. Ob an der Schweißmaschine, in der Nähe von Hochspannungsleitungen oder bei der Arbeit mit Industrieanlagen – die unsichtbare Gefahr lauert dort, wo man sie nicht vermutet. Doch keine Panik: Mit dem richtigen Wissen und gezielten Schutzmaßnahmen kannst du auch deine Mitarbeiter mit Implantat sicher arbeiten lassen.
Was sind Implantate überhaupt?
Implantate sind medizinische Hilfsmittel, die in den Körper eingesetzt werden, um verlorene Funktionen zu ersetzen oder zu unterstützen. Man unterscheidet zwischen passiven und aktiven Implantaten.
Passive Implantate wie künstliche Hüftgelenke, Herzklappen oder Stabilisatoren für Knochenbrüche kommen ohne Stromversorgung aus. Sie bestehen meist aus Metall, Keramik oder speziellen Kunststoffen und dienen dem mechanischen Ersatz von Körperteilen.
Aktive Implantate hingegen benötigen eine Energiequelle. Die bekanntesten Vertreter sind:
- Herzschrittmacher – überwachen und stimulieren den Herzrhythmus
- Defibrillatoren – therapieren zusätzlich lebensbedrohliches Kammerflimmern
- Cochlea-Implantate – ersetzen Teile des Hörvermögens
- Neurostimulatoren – beeinflussen Gehirn- oder Rückenmarkfunktionen
- Medikamentenpumpen – dosieren beispielsweise Insulin bei Diabetikern
Wie funktioniert ein Herzschrittmacher?
In einem gesunden Herzen steuert der Sinusknoten – das natürliche Reizzentrum – den Herzschlag vollkommen autonom. Fällt dieses System aus oder arbeitet es unzureichend, drohen Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand.
Genau hier springt der Herzschrittmacher ein. Er besteht aus einem kleinen Titangehäuse, das unter der Haut implantiert wird, und einer oder mehreren flexiblen Elektroden, die direkt zum Herzen führen.
Das Herzschrittmachersystem im Detail:
- Eingangsverstärker – erfasst das körpereigene EKG-Signal
- Impulsgenerator – erzeugt bei Bedarf Stimulationsimpulse mit 3-5 Volt
- Steuereinheit – koordiniert alle Funktionen
- Telemetrieeinheit – ermöglicht die Programmierung durch den Arzt
- Batterie – versorgt das System mit Energie
Die meisten modernen Schrittmacher arbeiten im sogenannten "Demand-Modus": Sie greifen nur ein, wenn das Herz keinen ausreichenden Eigenrhythmus hat. Über die Elektroden messen sie kontinuierlich die Herzaktivität und stimulieren bei Bedarf.
Man unterscheidet dabei zwischen unipolaren und bipolaren Elektroden. Bei unipolaren Elektroden fließt der Stimulationsstrom zwischen der Elektrodenspitze im Herzen und dem Schrittmachergehäuse durch das Körpergewebe. Bipolare Elektroden schließen den Stromkreis direkt zwischen zwei Kontakten im Herzen – das macht sie weniger anfällig für Störungen.
Unsichtbare Gefahr für deine Mitarbeiter mit Schrittmacher: Wenn Magnet-Felder stören
Elektromagnetische Felder sind überall – und genau das macht sie so tückisch. Elektrische Geräte, Maschinen, Hochspannungsleitungen: Sie alle erzeugen Felder, die unter bestimmten Umständen Implantate beeinflussen können.
Passive Implantate: Meist unproblematisch
Bei passiven Implantaten wie künstlichen Gelenken oder Herzklappen ist die Gefahr gering. Statische Magnetfelder können zwar Kraftwirkungen auf ferromagnetische Teile ausüben, und hochfrequente Felder können zu Erwärmungen führen. Doch bei Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte sind Probleme selten.
Aktive Implantate: Hier wird's kritisch
Bei Herzschrittmachern und Defibrillatoren sieht die Sache anders aus. Diese Geräte verarbeiten elektrophysiologische Messwerte und reagieren hochsensibel auf äußere elektromagnetische Einflüsse.

Elektrokardiogramm (Symbolbild)
So können Herzschrittmacher gestört werden:
1. Einkopplung über die Elektroden
Externe elektrische und magnetische Felder können Störspannungen in die Herzschrittmacherelektrode einkoppeln. Das passiert besonders leicht bei unipolaren Elektroden, da sie eine größere "Antennenfläche" bilden. Entscheidend ist nicht nur die Feldstärke direkt am Gerät, sondern im gesamten Brustbereich.
2. Direkte Einstreuung ins Gerät
Das Titangehäuse schützt zwar vor vielem, aber statische und niederfrequente Magnetfelder durchdringen es nahezu ungehindert. Das Körpergewebe dämpft diese Felder ebenfalls nicht – die Feldstärke im Körper entspricht der außerhalb.
3. Aktivierung des Reed-Kontakts
Starke Magnetfelder können den integrierten Magnetschalter betätigen und den Schrittmacher in den Programmiermodus versetzen. Er stimuliert dann mit einer festen Frequenz, unabhängig vom tatsächlichen Herzbedarf.
Mögliche Störungen im Überblick:
- Fehlstimulation: Der Schrittmacher gibt unnötige Impulse ab, weil er den natürlichen Herzrhythmus nicht mehr erkennt
- Inhibition: Die gefährlichste Störung – der Schrittmacher interpretiert Störsignale als natürlichen Herzschlag und unterdrückt die lebensnotwendige Stimulation
- Asynchrone Stimulation: Bei Zweikammerschrittmachern können Störsignale als Vorhofrhythmus fehlinterpretiert werden, was zu Herzrasen führen kann
Defibrillatoren: Zusätzliche Risiken
Bei Defibrillatoren kommt hinzu:
- Magnetfelder können die Therapiefunktion deaktivieren
- Störspannungen können fälschlicherweise als Kammerflimmern erkannt werden – der Defibrillator gibt dann einen unnötigen, schmerzhaften Elektroschock ab
Immerhin: Defibrillatoren verwenden ausschließlich bipolare Elektroden und sind daher weniger störanfällig als Herzschrittmacher mit unipolaren Systemen.
Schutzmaßnahmen: Was wirklich hilft
Wenn eine mögliche Beeinflussung festgestellt wird, gibt es verschiedene Lösungsansätze:
- Technische Maßnahmen: Abschirmung von Feldquellen, Änderung der Arbeitsabläufe, Einsatz feldärmerer Geräte
- Organisatorische Maßnahmen: Reduzierung der Aufenthaltszeit in kritischen Bereichen, Zugangskontrollen, alternative Arbeitsplätze
- Persönliche Maßnahmen: Mindestabstände zu Feldquellen, Schulungen, regelmäßige medizinische Kontrollen
Besondere Hinweise für den Alltag
Für eigene Mitarbeiter mit Implantaten können individuelle Lösungen erarbeitet werden, die auf die spezifische Situation zugeschnitten sind. Bei Besuchern und Fremdpersonal ist das nicht möglich – hier müssen allgemeingültige Schutzmaßnahmen wie Zugangsverbote oder Warnhinweise greifen.
Übrigens: Die Anzahl junger Menschen mit Herzschrittmachern steigt. Etwa 10 Prozent der Implantatträger sind deutlich jünger als 60 Jahre – und das Erstimplantationsalter sinkt kontinuierlich.

Sein Expertenwissen ist unverzichtbar um deine Mitarbeiter zu schützen: Der Betriebsarzt
Fazit: Wissen schützt
Ein Herzschrittmacher oder Defibrillator ist kein Grund, den Job aufzugeben. Aber: Du musst die Risiken für deine Mitarbeiter kennen und ernst nehmen. Die gute Nachricht ist, dass es klare Verfahren zur Bewertung und wirksame Schutzmaßnahmen gibt.
Dein wichtigster Takeaway: Eine professionelle Gefährdungsbeurteilung durch einen Sachkundigen schafft Klarheit und ermöglicht sichere, individuelle Lösungen. Unterschätze nicht die unsichtbare Gefahr elektromagnetischer Felder – aber überschätze sie auch nicht. Mit dem richtigen Vorgehen können auch Mitarbeiter mit Implantat produktiv und sicher arbeiten.
Informiere deine Mitarbeiter im Rahmen von Unterweisungen und Einweisungen darüber, dass sie sich im Falle einer Schrittmacherimplantation bei ihrem Vorgesetzten melden sollen. Berücksichtige in der Gefährdungsbeurteilung die entsprechenden Gefahrenzonen und kennzeichne diese. Und vergiss nicht: Du müsstest bereits verpflichtend zwei Experten bestellt haben, die dir bei diesem komplizierten Thema helfen können: Deine Sicherheitsfachkraft und Dein Betriebsarzt. Nutze ihre Expertise!