Wenn Bewerber Glückssache sind: Was du als Unternehmer zuerst prüfen solltest
Wenn Bewerber Glückssache sind.
Ein Beispielfall: In einem Handwerksbetrieb mit 35 Mitarbeitern sind zwei Monteurstellen unbesetzt. Der Geschäftsführer schaltet Anzeigen, veröffentlicht Beiträge auf Instagram und fragt im Team nach Empfehlungen. Gelegentlich kommt eine Bewerbung, doch eine verlässliche Besetzung entsteht daraus bisher nicht. Inzwischen übernimmt er selbst Termine, während die erfahrenen Mitarbeiter zusätzliche Aufgaben auffangen.
Was soll er noch tun? Mehr Geld in Werbung stecken, eine Viertagewoche anbieten oder im Ausland suchen?
Meine Empfehlung ist, zuerst genauer hinzusehen: Wo geht eine mögliche Besetzung verloren? Wird der Betrieb kaum wahrgenommen, passen die Arbeitsbedingungen nicht zu den gesuchten Menschen oder springen Interessenten im Bewerbungsprozess ab? Diese Fragen führen zu unterschiedlichen Entscheidungen. Der Fachkräftemangel ist der Rahmen. Welche Baustelle du in deinem Betrieb zuerst bearbeiten solltest, ergibt sich daraus noch nicht.
Fachkräftemangel: Die Lage ist angespannt, aber nicht überall gleich
Die Bundesagentur für Arbeit weist für 2025 Engpässe in 157 Berufsgattungen aus, nach 163 im Vorjahr. Betroffen sind unter anderem Pflege- und Gesundheitsberufe sowie Bau- und Handwerksberufe. Gleichzeitig passen Angebot und Nachfrage häufig hinsichtlich Qualifikation, Beruf oder Region nicht zusammen. Die Ergebnisse wurden im September 2026 veröffentlicht.
Für dich als Unternehmer bedeutet das: Die allgemeine Arbeitsmarktlage erklärt einen Teil deiner Schwierigkeiten. Für eine konkrete Entscheidung brauchst du zusätzlich den Blick auf deinen Beruf, deine Region und deinen Betrieb.

Für eine konkrete Entscheidung brauchst du zusätzlich den Blick auf deinen Beruf, deine Region und deinen Betrieb.
Im Beispielfall sollte der Geschäftsführer deshalb zunächst die bisherigen Kontakte durchgehen: Wie viele geeignete Interessenten gab es? Wann haben sie sich zurückgezogen? Welche Gründe sind bekannt und welche werden bisher nur vermutet? Schon diese Unterscheidung verhindert, dass aus jeder Absage dieselbe Schlussfolgerung gezogen wird: Es gibt einfach keine Leute.
Mehr Sichtbarkeit hilft, wenn das Angebot dahinter verständlich ist
Social Media kann zeigen, wie in einem Betrieb gearbeitet wird. Ein kurzer Einblick in einen echten Auftrag, die Zusammenarbeit im Team oder die Ausbildung kann einem Interessenten helfen, sich den Arbeitsplatz vorzustellen.
Aber ein Video beantwortet nicht automatisch die Fragen, die vor einem Wechsel wichtig sind: Wann beginnt der Arbeitstag? Wie weit reichen die Einsätze? Wie werden Überstunden behandelt? Wer hilft beim Einstieg? Und wie verbindlich sind Absprachen?
Unser Handwerksbetrieb sollte deshalb seine Stellenanzeige, die Karriereseite und den ersten Kontakt nebeneinanderlegen. Ergibt sich überall dasselbe Bild? Wenn die Anzeige planbare Arbeitszeiten verspricht, muss im Gespräch erklärt werden können, wie diese Planung tatsächlich funktioniert.

Wenn die Anzeige planbare Arbeitszeiten verspricht, muss im Gespräch erklärt werden können, wie diese Planung tatsächlich funktioniert.
Arbeitgeberattraktivität verstehe ich als System: Arbeitsbedingungen, Führung, Zusammenarbeit, Leistungen und Kommunikation müssen zusammenpassen. Sichtbarkeit ist ein Teil davon. Sie braucht eine betriebliche Grundlage, die du nachvollziehbar erklären kannst.
Arbeitszeiten: Prüfe die Hürde, bevor du ein Modell übernimmst
Die Viertagewoche klingt nach einer naheliegenden Antwort auf fehlende Bewerbungen. Dabei werden häufig unterschiedliche Modelle miteinander vermischt. Dieselbe Wochenarbeitszeit auf vier längere Tage zu verteilen, ist etwas anderes, als die Gesamtarbeitszeit zu reduzieren.
Der deutsche Folgebericht zur Vier-Tage-Woche von 2026 zeigt ein differenziertes Bild: Von 40 erneut befragten Organisationen führten im Februar 2026 noch 70 Prozent eine Form der Arbeitszeitreduzierung fort. 30 Prozent praktizierten sie nicht mehr. Teilweise wurden die Modelle flexibler gestaltet. Die Ergebnisse beziehen sich auf die Organisationen des Pilotprojekts und lassen sich nicht pauschal auf jeden Betrieb übertragen.
Für unseren Handwerksbetrieb wäre deshalb die erste Frage: Was brauchen die gesuchten Monteure und das bestehende Team tatsächlich? Ein freier Freitag kann attraktiv sein. Lange Arbeitstage können für jemanden mit festen Betreuungszeiten wiederum schwierig werden. Vielleicht ist ein verlässliches Arbeitsende wichtiger als die Zahl der Arbeitstage.
Bevor du ein neues Modell versprichst, solltest du Bedarf, Kundenanforderungen, Besetzung und wirtschaftliche Tragfähigkeit gemeinsam prüfen. Eine mögliche Erprobung braucht klare Absprachen und Kriterien, anhand derer ihr anschließend entscheidet.
Menschen erreichen, die unter anderen Bedingungen arbeiten könnten
Nicht jeder, der arbeiten möchte, kann eine ausgeschriebene Stelle unter den angebotenen Bedingungen annehmen. Das Statistische Bundesamt zählte für 2025 gut 3,2 Millionen Menschen zur Stillen Reserve. Diese Menschen wünschen sich Arbeit, suchen aber aktuell nicht aktiv oder sind kurzfristig nicht verfügbar. Bei Frauen zwischen 25 und 59 Jahren in dieser Gruppe waren Betreuungspflichten für 30,7 Prozent der Hauptgrund für ihre Inaktivität am Arbeitsmarkt.
Daraus entsteht kein sofort verfügbarer Bewerberpool. Die Zahlen geben aber Anlass, die eigenen Anforderungen zu prüfen.
Muss eine Stelle zwingend in Vollzeit besetzt werden? Lassen sich bestimmte Aufgaben anders verteilen? Ist ein Wiedereinstieg mit verlässlichen Zeitfenstern möglich? Im Beispielfall könnte der Geschäftsführer untersuchen, ob sich einzelne Wartungsaufträge für feste Einsatzzeiten eignen. Ob dadurch eine passende Stelle entsteht, muss er mit Blick auf Qualifikation, Abläufe und Kundenbedarf klären.
Ein Betrieb kann fehlende Kinderbetreuung nicht allein ausgleichen. Er kann jedoch prüfen, welche seiner Arbeitsbedingungen wirklich notwendig sind und wo Gestaltungsspielraum besteht.
Internationale Fachkräfte brauchen einen vorbereiteten Einstieg
Auch internationale Fachkräfte sind ein möglicher Weg. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg der Anteil ausländischer Beschäftigter in Engpassberufen seit 2014 von sieben auf rund 14 Prozent. Zuwanderung federt den demografisch bedingten Rückgang deutscher Beschäftigter in vielen Fachkrafttätigkeiten teilweise ab.
Für einen einzelnen Betrieb beginnt die Aufgabe allerdings vor dem ersten Arbeitstag. Wer begleitet die Einarbeitung? Wie werden fachliche und sprachliche Fragen geklärt? Welche Unterstützung beim Ankommen ist organisiert? Wer hat dafür im Tagesgeschäft tatsächlich Zeit?
In unserem Handwerksbetrieb sind die erfahrenen Monteure bereits stark belastet. Soll einer von ihnen zusätzlich einen neuen Kollegen einarbeiten, braucht er dafür einen realistischen zeitlichen Rahmen. Sonst ist die Einstellung beschlossen, aber der Einstieg organisatorisch nicht abgesichert.
Miss, ob dein Team verlässlicher arbeiten kann
Eine Bewerbung ist ein Kontakt, eine Zusage ein wichtiger Schritt. Ob die Besetzung trägt, zeigt sich erst im Arbeitsalltag. Deshalb sollte der Geschäftsführer im Beispielfall neben der Zahl geeigneter Bewerbungen auch verfolgen, wie neue Mitarbeiter ankommen und wie sich die Belastung im Team entwickelt.
Für einen überschaubaren Anfang reichen wenige Fragen:
- An welcher Stelle ziehen sich geeignete Interessenten zurück?
- Werden Aufgaben, Arbeitszeiten und Erwartungen vor der Zusage ausreichend geklärt?
- Hat jeder neue Mitarbeiter einen verantwortlichen Ansprechpartner und einen Einarbeitungsplan?
- Welche zusätzlichen Aufgaben muss das bestehende Team weiterhin auffangen?
Damit wird Personalstabilität zum Maßstab: Wie verlässlich kann der Betrieb mit seinem Team planen, und wo entstehen immer wieder vermeidbare Neustarts?
Fazit: Finde die Bruchstelle, bevor du die nächste Maßnahme kaufst
Du kannst den Arbeitsmarkt nicht allein verändern. Du kannst aber genauer prüfen, warum eine Besetzung in deinem Betrieb bisher nicht gelingt.

Du kannst den Arbeitsmarkt nicht allein verändern.
Für den Geschäftsführer aus unserem Beispielfall wäre der nächste sinnvolle Schritt, die letzten Bewerberkontakte auszuwerten und mit dem Team über Arbeitszeiten und Einarbeitung zu sprechen. Erst daraus ergibt sich, ob er vor allem mehr Sichtbarkeit, ein anderes Stellenangebot, einen verbindlicheren Bewerbungsprozess oder bessere Voraussetzungen für den Einstieg braucht.
So wird aus der Suche nach irgendeiner weiteren Maßnahme eine begründete Entscheidung. Das Ziel bleibt ein Team, auf das du dich im Alltag besser verlassen kannst.
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